Über 90 Jahre Experimentalfunk in Wismar

Emil Liebenthal, Ing.

Emil (mit weiteren Vornamen Karl Clemens) wurde am 21. Mai 1902 in Wismar geboren. Er war der älteste Sohn des in Wismar sehr bekannten jüdischen Arztes Dr. med. Leopold Liebenthal.

Emil studierte Eletrotechnik (wo, evtl. Wismar?) und fand Anstellung als Elektroingenieur an der Wismarer Ingenieur-Akademie, wo er zu Zeiten von Dr.-Ing. Heinrich als Techniker der Abteilung Elektrotechnik im Laboratorium am Baumweg tätig war.

Emils Vater, Dr. med. Leopold Liebenthal

Die jüdische Kaufmanns- und Akademikerfamilie Liebenthal

Anfangs lagen nur sehr wenige Informationen zu Emil vor, was weitläufigere Recherchen im familiären Umfeld der Liebenthals nach sich zog. Herausgekommen sind tiefe Einblicke in die bemerkenswerte, weit über die Grenzen Wismars hinaus bekannte jüdische Kaufmanns- und Akademikerfamilie Liebenthal.

Die Familie(n) der Liebenthals

Die Liebenthals in Wismar, Bergen, Stralsund... und den USA

 Die Liebenthals, eine jüdische Familie von Kaufleuten und Akademikern  (<=Link/Download zu PDF, 25 Seiten/ 4.8MB) waren und sind auch weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Der Vater des Ingenieurs Emil Liebenthal war der ab 1894 in Wismar praktizierende und sehr beliebte Arzt Dr. med. Leopold Liebenthal, geboren auf der Insel Rügen, in Bergen. Seine beiden in Wismar zur Welt gekommenen Söhne Emil (1902) und Helmut (1907) studierten. Emil wurde Elektroingenieur und Helmut studierte noch bis 1933 in Rostock Medizin... Mit der Machtergreifung der Nazi wurde der Hass auf die Juden ständig politisch neu befeuert und fand seinen ersten Höhepunkt in den Novemberpogromen von 1938. Sie leiteten eine beispiellose menschenverachtende Judenverfolgung bis zur physischen Vernichtung ein. Auch die Liebenthals blieben nicht verschont... (Projekte zur Erinnerung an verfolgte und ermordete jüdische Bürger in MV)

Sage nicht, dass du es nicht gewusst hast...

Am 10. November 1938 kam es zu einem großen „Protestmarsch“ gegen die Juden, an dem 15.000 Wismarer teilnahmen. Das war in etwa die Hälfte (!) der Einwohnerzahl und wenn man bedenkt, dass Wismar jahrelang eine Hochburg der Sozialdemokraten gewesen ist, ist das schon sehr bedenklich. Losungen wie „Juda verrecke“ oder „Hinaus mit den Juden“ stand auf den mitgeführten Losungen und wurden lautstark skandiert. Im „Protestzug“ wurden auch zwei symbolische Galgen mitgeführt, an denen schon vorsorglich zwei Strohpuppen als Juden hingen. Diese Galgen blieben dann symbolisch auf dem Marktplatz. Spätestens seit dieser Zeit konnte sich kaum ein Wismarer später herausreden, dass er von den Judenverfolgungen nichts mitbekommen hat. Unter der Überschrift „Judengalgen“ auf dem Markt berichtete das Wismarer Tageblatt am 11. November ausführlich über die Geschehnisse: „Unter Beifall der Wismarer verkündete NSDAP-Kreisleiter Dahl, dass die Juden ihren Schaden nicht ersetzt bekommen und verkündete stolz unter tobenden Beifall, dass alle Wismarer Juden hinter „Schloß und Riegel“ sitzen… wieder sei man der restlosen Erfüllung des Parteiprogrammes mit der vergangenen Nacht und diesem Tage ein Stück näher gekommen und so werde es in den nächsten Jahren weiter gehen….“ Der „Niederdeutsche Beobachter“ schrieb am 11. November 1938, dass alle Wismarer Juden in Schutzhaft sind und einem Verhör unterzogen wurden.  Quelle: Detlef Schmidt/ Kalenderblatt zum 10. November

Bruder Helmut in Schutzhaft

Der „Niederdeutsche Beobachter“ schrieb am 11. November 1938, dass alle Wismarer Juden in Schutzhaft sind und einem Verhör unterzogen und massiv eingeschüchtert wurden, um sie zur Auswanderung zu bewegen. Zu den fünf jüdischen Männern aus Wismar gehörte auch Helmut, der Bruder von Emil. Zum Verbleib von Emil gibt es keine Aussagen. Die Männer wurden abends am 10. November ins Altstrelitzer Gefängnis (in Neustrelitz) zur Schutzhaft eingeliefert. Helmut als „Halbjude“ hatte Glück und wurde bereits am 12. November aus der Haft entlassen – gut zwei Wochen vor dem Tod des Vaters. Die Entlassung der anderen Wismarer Juden erfolgte am 17. November 1938 (1). Zu Helmut Liebenthal findet sich aktuell (Februar 2020) auch im Gedenkbuch der Juden des Bundesarchivs (2) dieser Eintrag.

(1) gemäß https://www.myheritage.de aus Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

(2) https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html

Infos zu Helmuts Frau Sophie-Charlotte, geb. Hilzheimer

Wohnen im elterlichen Haus in Wismar

Emil wohnte mit Bruder Helmut und der Tante Antonie Spohr (30.4.1940 verstorben) im elterlichen Haus in der Altwismarstr. 21.

Wohnanschrift 1937

Emils früher Tod 1940

Leider war bislang zu den Umständen seines frühen Todes mit nur 38 Jahren nichts in Erfahrung zu bringen. Nach Eintrag im Sterbebuch (der damals Seestadt) Wismar ist er als in der Altwismarstr. 21 (ehemals Haus seiner Eltern!) wohnhaft und um 8 Uhr am 13. November 1940 verstorben registriert worden. Die Anzeige dazu erfolgte durch die Leichenkleiderin Anna Breest geb. Ball aus Wismar. (siehe Original-Dokument, Klick auf linke Grafik; rechts zu den Grabstellen der Liebenthals in Wismar).

Außerdem geht auch daraus hervor, dass es eine berufliche Veränderung gegeben haben muss. Einleitend heißt es in der Anzeige dazu "Der Ingenieur, jetzt kaufmännische Angestellte Emil...", was auf den Arbeitsplatzverlust an der Akademie Wismar hindeutet. Sein Tod 1940, im Alter von gerade mal 38 Jahren - fast genau zwei Jahre nach dem Ableben seines Vaters nach der Novemberprogromen - klingt nicht zwingend nach natürlichen Todesumständen.

Grabstelle der Liebenthals in Wismar
Auszug aus Totenanzeige

Quelle: Sylvia Ulmer, Projekt Juden in Mecklenburg   zum vollständigen Dokument

 

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